Stralsund, wir kommen

Was tut der Biker Oster-Montag?

Richtig! Er verläßt um 06:00Uhr seinen Schlafplatz!

Nach der erfolgreichen Suche nach dicken Eiern, Besuch eines Ostertuniers, grillen und selbstgemachter Maibowle am Oster-Sonntag, ertönt Oster-Montag früh um 06:00Uhr Star-FM aus dem Lautsprecher des Radioweckers. Die grau befellten Mitbewohner sind schockiert. Was, schon wieder Frühschicht?

Falsch! Die Dosenöffner holen zwei Koffer und eine Tasche hervor, darin verschwinden zwei rote Kunststoffjacken, zwei Reifenpannenkits, Werkzeug, Gepäcknetz, zwei Satz Handschuhe, der Foto, eine Flasche Wasser und eine Metallkanne Kaffee, Warnwesten, Kartenmaterial und eine Warndreick-Haube für einen Helm. Merkwürdig!

Herrchen und die Dosenöffner frühstücken gleichzeitig, aber getrennt. Die Fellträger wandern daraufhin in den Garten ab, legen aber gesteigerten Wert darauf, dass die Gartenstühle mit bequemen Sitzpolstern versehen werden. Nachdem das Personal das liebe Viehzeug zufriedengestellt hat, geht es pünktlich wie geplant um 08:00Uhr los.

Das Internet-Wetter verspricht trocken und Sonne, ab auf die Rennstrecke Spandau-Henningsdorf. Was denn hier los? Keine Bürgerkäfige? Keine Tretesel? Keine sonstigen, für diese Strecke ungeeigneten Fahrzeuge wie Linienbusse, Wohnmobile, Lkw, Trachtenverein? In nie gekannter Geschwindigkeit fahren wir nach Stolpe. Wohlgemerkt, fahren, unter Einhaltung sämtlicher Verkehrsvorschriften. Auch die linke Hand bleibt arbeitslos.

Die angefahrene HEM-Tankstelle bietet nur zwei Sorten Treibstoff an (angeblich aus technischen Gründen), die eine führt zum leistungs- und geruchsmäßigen Abstieg in die Trabbi-Klasse, die andere kommt aus prinizipellen Überlegungen nicht in den Tank. Da wir weder wie ein Zweitakter riechen, noch die Landwirtschaft über die Maßen födern wollen, geht es weiter. Die nächst erreichbare Tankstelle nutzen wir für unsere erste Kaffee- und Zigarettenpause.

Tanke
Morgens, halbneun in Deutschland.

Nina bemerkt, dass die verschlossene Lagerung unser Thermoskanne über knapp 10 Monate eine geschmackliche Beeinträchtigung des frischen Kaffees hervor ruft, abgesehen davon, dass er wegen Thorsten ohne Zucker in die Kanne gewandert ist. In der Weiterfahrt umgehen wir die vierspurig ausgebaute B96 in dem wir über Birkenwerder und durch Oranienburg fahren. Kurz vor Nasseheide geht es zurück auf die B96, Richtung Stralsund.

Ab durch Löwenberg nach Gransee, wo an der Ortsaus- bzw. -einfahrt die Rennleitung steht, schon ganz in modischem Blau. Um die Uhrzeit ist bei der Verkehrsdichte nicht wirklich Beute zu machen, auch wir stellen fest, offenkundig stehen nicht alle Biker früh auf, wir sind ziemlich alleine. Kurz hinter Fürstenberg gibt es die nächste Kaffepause. Das versprochene sonnige Wetter findet erkennbar weiter westlich statt, hier auf dieser Strecke jedoch sind die Temperaturen irgendwie tendenziell null, von Sonne keine Spur.

Kalt
Kalt hier.
Windig
Und windig.

Nina stellt fest, auch durch den weiteren Transport und die bessere Durchmischung hat der Kaffee nicht wirklich an Geschmack gewonnen.

Bei dem nächsten Halt, kurz vor Neubrandenburg, kommen wir überein, das weder der Kaffee, noch das Wetter den an sie gestellten Erwartungen entsprechen. Weiter westlich ist der Himmel allerdings blau und es scheint dort auch die Sonne. Inzwischen treffen wir auch ab und zu auf ander Zweiradlenker, die meist aber nur über lokale Kennzeichen verfügen.

Sch...wetter
Auch hier, immer noch sch...kalt!

Um dem Wetter zu entgehen und doch noch zu Sonne zu kommen, beschließen wir, Touränderung. Wir werden über Altentreptow und Demmin fahren. Wir verlassen die ausgetretenen, pardon, ausgefahrenen Pfade. Dafür können wir uns auf der Nebenstrecke für einige Kilometer, trotz vermehrter Kurven, das Lenken sparen. Rein in die Spurrinnen und laufen lassen, wie auf Schienen. Nach einigen Kilometern Bahnfahrt sind wir auch endlich in der Sonne angekommen, die Temperaturen werden erträglich, was man von der steifen Brise aus Nord-Nord-Ooost nicht behaupten kann.

In Demmin gehen wir auf die B194, der wir bis nach Stralsund folgen. Der Verkehr hat zugenommen, eigentlich fahren wir nur noch einhändig. In Stralsund fahren wir Altstadt ab, wir wollen zum Hafen. Dank diverser Baustellen entwickelt sich die Zufahrt zum Hafen zu einem Hindernisparcour und wir testen mal wieder Stoßdämpfer und Wirbelsäule. Nachdem wir in etwa das gefunden haben, was sich ein Berliner unter dem Hafen einer Hansestadt vorstellt, suchen wir ein Abstellmöglichkeit. Wir finden eine, auch wenn der Straßenbelag dort nach Aussehen und Struktur zu urteilen, bereits mehrere Jahrhunderte hinter sich gebracht hat.

Parkplatz
Hier parkte wohl schon die Hanse.

Wir stossen auf eine Pizzeria in Hafennähe mit dem passenden Namen "Zum Goldbroiler", damit ist eigentlich schon alles gesagt, wäre da nicht noch ein kleiner Fehler in der Karte, es gibt zwar Alster, aber ohne Mengen- und Preisangabe. Da das Getränk offenbar nichts kostet, nehmen wir gleich zwei davon.

Das namensstiftende Gericht können wir auf der übersichtlichen Karte nicht entdecken. Zum Glück. Wir wagen es und bestellen je eine Pizza. Entgegen aller Negativ-Anzeichen schmeckt diese, ist ordentlich belegt und scheinbar auch keine Fertigware. Während des Essens sorgen die Fahrkünste diverser Touristen und Einheimischer, sowie mehrerer Touristenbusse für Unterhaltung. Essen mit Variete. Und das für weniger als 10€ pro Person.

Nach dem Essen schlendern wir in Richtung Hafen, vorbei an alten Speichern und einem hässlichen Betonklotz, genannt Ozeaneum. Dabei ist die Ostsee doch eher ein etwas zu groß geratener Teich, denn ein Ozean. Im Hafen liegt nur ein Schiff, das man als solches bezeichnen kann, die Gorch Fock. Die Gorch Fock? Das Skandalschiff des von Guttenberg? Kann eigentlich nicht sein, denn es ist als Bark getakelt.

Gorch Fock
Gorch Fock?

Gorch Fock
Als Bark getakelt?

Ein Gang entlang des Piers lüftet das Geheimnis, es handelt sich um ein Schwesterschiff DER Gorch Fock, rund 25 Jahre früher in Dienst gestellt und dient, nach Besitznahme der Marine Russlands und der Marine der Ukranie, nun wieder deutsch, als Museumsschiff. Wir begutachten noch die neue Rügenbrücke aus der Ferne und beglückwünschen uns dafür, nicht nach Rügen gefahren zu sein. Bei dem Wind wäre das sicher lustig geworden.

Wir fahren zurück, auf die B96 bis Zahrendorf, von dort über Abtshagen nach Grimmen. Irgendwie hat sich der Verkehr verändert, statt zügig auf der Landstraße unterwegs zu sein, kommen wir trotz relativ weniger Fahrzeuge kaum über 65-70km/h. Ständig stehen mit Rentnern bestückte Kleinwagen im Weg rum. Alles klar, Oster-Montag gegen 16:00Uhr geht es zum Kaffekränzchen und da man es selbst nicht eilig hat...

Ab Grimmen geht es auf die B194 Richtung Demmin und weiter nach Reuterstadt Stavenhagen. Hier haben wir mal wieder ein besonderes Erlebnis. Ein Rentner aus DM (Dummer Mensch) blockiert die Landstraße, der dahinter folgende Berliner Pampersbomber ist schon mittelmäßig nervös und eiert vor uns rum, findet aber bei Tempo 85 keine Möglichkeit zum Überholen. Uns ist das, ob des Rumgeeiere vor uns, viel zu heikel. Endlich biegt der Rentner in eine Extraspur zu einer Tankstelle ab. Was macht B (Blödmann)? Beschleunigt, fährt neben den Rentner, hupt und steigt in die Eisen, hält mitten auf der Landstraß an, um dem Rentner einen Vogel zu zeigen.

Thorsten nutzt die Gelegenheit, überholt den Blödmann, was zu einem Wutausbruch im Pampersbomber führt. Als Nina bei nächster Gelegenheit auch überholt findet in dem Auto ein cholerischer Anfall statt, wohl auch deswegen, weil Thorsten Nina vorbeilässt und sich zwischen den Tobsüchtigen und Nina setzt. Was nun folgt erinnert an die Groteske aus der Toskana. Der geistige Tiefflieger versucht, mit Frau und zwei Kindern im Auto, ein Rennen mit uns zu fahren. Weil er nicht gewinnen kann, stellt er sich an einer Ampel in der falschen Spur an, in der offenkundigen Hoffnung, wir würden ihn beachten, dafür darf er sich vier Autos hinter uns einordnen. So ein Pech aber auch.

Wir fahren weiter und verpassen in Klein-Plasten die Abfahrt nach Neustrelitz und folgen stattdessen der B192 nach Waren. In Waren stellen wir übereinstimmend fest, Neustrelitz war nicht angeschrieben. Also alles zurück. Nein, Neustrelitz steht wirklich nicht dran, nur Neubrandenburg und Möllenhagen. Mal wieder Beschilderung für Einheimische.

In der Ortsumfahrung Neustrelitz baut die Rennleitung gerade einen Messpunkt auf, sehr professionell durch abschreiten, statt ausmessen. Richtung Fürstenberg haben wir dann einen Kleinwagen, der vor jedem Schild erst ein Mal bremst, selbst wenn es sich um die Aufhebung eines Streckenverbotes handelt. Die Frage ist, warum dürfen Blinde Auto fahren? Thorsten entdeckt zum dritten Mal Kraniche auf der Wiese und dies Mal kann auch Nina sie sehen, die anderen zwei Mal hat sie sie nicht mitbekommen.

Irgendwo zwischen Neustrelitz und Fürstenberg legen wir mitten im Wald noch eine Zigarettenpause ein.

Zigarette
Pause

Zigarette
im Wald

Weiter über Gransee und Löwenberg nach Oranienburg wo wir die B96 Richtung Velten verlassen. Die Ortsdurchfahrt Velten ist laut Beschilderung für Lkw über 7,5t gesperrt. Daher ignorieren wir die ausgeschilderte Umleitung und lernen im Gegenzug Velten ein wenig kennen. Nicht das das spannend wäre.

Etwas später als erwartet begrüßen uns die Fellträger und wir beschliessen noch einen Amarone im Garten aufzumachen. Alles in allem ein gelungener Oster-Montag.

Tourdaten

Abfahrt: 25.04.2011, 08:00Uhr (pünktlich)
Rückkehr: 25.04.2011, 19:27hr (ca. 87 Minuten zu spät)
Strecke: 496km
Pässe: Keiner.
Kurven: Wenige.
Defekte: Keiner.
Pannen: Keine.
Strafzettel: Keine.
Kontrollen: Keine.
Unfälle: Keine.
Fazit: Nordbrandenburg und MacPomm sind leer. Ostern sind alle Berliner an der Ostsee und alle Touristen in Berlin. Stralsund brauchen wir beide nicht nochmal.